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Rettung im Mutterleib: Operationen am Ungeborenen

Wird während der Schwangerschaft eine Erkrankung beim Ungeborenen festgestellt, ist das für die werdenden Eltern ein Schock. Sobald der Arzt bestätigt, dass mit dem Baby etwas nicht in Ordnung ist, besteht Handlungsbedarf. In vielen Fällen kann eine Operation in der Schwangerschaft das Ungeborene retten. Gerade bei Organfehlbildungen oder Kreislaufstörungen kann die moderne Medizin bereits in der Schwangerschaft etwas tun, damit das Baby nach der Geburt ein völlig normales Leben führen kann.

Operationen per Fetoskop

Das Fetoskop ist ein Instrument, das für die Operation in der Schwangerschaft eingesetzt wird und so dick, wie eine Kugelschreibermine ist. Operationen per Fetoskop sind sehr schonend für Mutter und Kind, da das Fetoskop über die Bauchdecke der Mutter in die Gebärmutter eingeführt wird. Hierfür ist nur ein kleines Loch von etwa drei bis vier Millimetern notwendig.

Momentan entstehen überall auf der Welt fetal-chirurgische Zentren und immer mehr Babys werden in der Schwangerschaft mittels der minimal-invasiven fetalen Chirurgie operiert.

Derzeit besteht sogar ein richtiger Konkurrenzkampf um die wenigen Schwangeren, bei denen eine solche Operation durchgeführt werden kann. Dieser Wettbewerb und Erfolgsdruck dient nicht immer dem Wohl des Kindes, weiß Michael Tchirikov, von der Klinik für Frauenheilkunde an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, zu berichten. Um eine Operation in der Schwangerschaft durchführen zu können, muss der Operateur erfahren und versiert in der Operationstechnik sein, wenn er dem Kind nicht mehr schaden als helfen möchte. Tchirikov fordert, dass jede operative Therapie zunächst im Tierversuch getestet werden muss, bevor man sich an schwangere Frauen wagt.

Es grenzt schon an ein kleines Wunder, zu was die Medizin imstande ist, dennoch ist auch heute, mit dem Fortschritt der Medizin, noch nicht alles möglich.

Sollte bei einem ungeborenen Kind eine Erkrankung festgestellt werden, für die eine Operation während der Schwangerschaft infrage kommt, sollten sich die werdenden Eltern in Ruhe mit der Diagnose auseinandersetzen und nicht überstürzt eine Entscheidung treffen. Informationen in einer Spezialklinik können bei der anstehenden Entscheidung helfen, das Richtige in die Wege zu leiten.

Diagnose: offener Rücken

„Wir befinden uns noch in einem Pilotstadium“ so Thomas Kohl, Leiter des Deutschen Zentrums für Fetalchirurgie und minimal-invasive Therapie (DZFT) am Universitätsklinikum Bonn. Er ist einer der Ärzte, der sich an eine Operation mit offenem Rücken wagt. Der Arzt Thomas Kohl spricht selbst von „Pilotstadium“ – er hat bisher 15 ungeborene Babys mit dieser Diagnose operiert. Die Ethikkommission erteilte zunächst die Genehmigung, 30 schwangere Frauen in dieser Form zu behandeln.
Bei zwei Babys sei der Rücken nach der Operation insoweit zugewachsen, dass ihre Beine und das Gehirn von dem Eingriff profitiert hätten. Bei drei operierten Babys war die Operation nicht von Erfolg gekrönt und drei weitere Ungeborene verstarben während oder nach dem operativen Eingriff.
Diese Tatsachen machen es für werdende Eltern schwer, die richtige Entscheidung zu treffen.

Diagnose: Herzfehler

Auch hier gibt es heute Operationen, die bereits im Mutterleib durchgeführt werden können. Ein Eingriff während der Schwangerschaft kann die bevorstehende Operation nach der Geburt erleichtern oder sogar vermeiden. Dies trifft nicht auf alle Herzerkrankungen zu. Daher muss individuell, je nach Erkrankung, entschieden werden, ob ein Eingriff vor der Geburt helfen kann.

Lungenbehandlung bei vorzeitigem Blasensprung

Platzt die Fruchtblase während der Schwangerschaft, besteht für das ungeborene Kind akute Gefahr. Hier versuchen die Ärzte die Geburt des Kindes so weit, wie möglich, hinauszuzögern und geleichzeitig die Lungen-Reifung des Ungeborenen zu beschleunigen. Dies geschieht durch die Verabreichung von Nebennierenrinden-Präparaten.

Den Ärzten am Universitätsklinikum Bonn gelang es erstmalig, ein ungeborenes Kind nach Blasensprung in der 20. Schwangerschaftswoche erfolgreich zu operieren. Das Kind kam in der 33. Schwangerschaftswoche zur Welt und ist heute kerngesund.

Diagnose: Zwerchfellhernie

Ein Loch im Zwerchfell des Babys kommt bei einer von 2500 Schwangerschaften vor und kann heute bereits in der Schwangerschaft operiert werden. Laut Thomas Kohl vom Bonner Universitätsklinikum überleben 80 Prozent der behandelten Kinder diesen Eingriff und führen ein nahezu beschwerdefreies Leben. Auch diese Operation wird mittels Fetoskop, das über die Bauchdecke eingeführt wird, durchgeführt und zeigt sich durchaus positiv.

Wenn sich die Lunge nicht richtig entwickeln kann

Unterschiedliche Erkrankungen führen dazu, dass sich die Lunge des Babys nicht richtig entwickeln kann. In vielen Fällen werden diese Kinder mit einem speziellen Entbindungsverfahren auf die Welt geholt und sofort nach der Geburt mit der Beatmungstherapie begonnen. Ein minimal invasives OP-Verfahren macht es heute für Ärzte möglich, bereits während der Schwangerschaft die Atemwege des Babys zu öffnen. Auch bei einem Hydrothorax sind Mediziner heute in der Lage, mittels Ultraschalltechnik und kleinen Kunstschläuchen, helfend einzugreifen.

Diagnose: Verschluss der Harnröhre

Auch in diesem Fall kann eine fetoskopische Operation die nötige Hilfe leisten. Die hinteren Harnklappen werden geöffnet, sodass der Urin ungehindert wieder abfließen kann. Dieser Eingriff ist bereits ab der 14. Schwangerschaftswoche möglich.

Wenn Tumore den Kreislauf belasten

Tumore bei Ungeborenen – klingt fatal, ist aber durchaus möglich. So genannte Steißbeinteratome, die stark durchblutet werden, belasten das Herz des Kindes. Heute sind Ärzte in der Lage mithilfe eines invasiven Eingriffs die Durchblutung zu vermindern, um so den Kreislauf des Kindes zu entlasten und zu stabilisieren.

Diagnose: Amnionband-Syndrom

Bei dieser Erkrankung schnüren die sogenannten Aminonbänder die Gliedmaßen des ungeborenen Kindes ab. Es ist möglich, bei lokaler Betäubung der Mutter, das Amnionband zu durchtrennen und so die Zirkulation des Blutes wieder herzustellen. Liegt ein Amnionband-Syndrom vor, muss schnell reagiert werden – doch der kleine Eingriff rettet Leben! Mehr dazu unter  Amnionband-Syndrom

Eingriffe bei Zwillingsschwangerschaften

Auch bei Zwillingsschwangerschaften können Ärzte schon auf einige Erfahrungen in puncto fetaler Operationen zurückblicken. Gerade beim feto-fetalen Transfusionssyndrom ist es möglich, mittels Laser die Blutgefäße der Babys zu trennen, die zuvor über die Blutgefäße miteinander verbunden waren. Verstirbt ein Kind im Mutterleib, ist es heute möglich, die Nabelschnur des verstorbenen Fötus zu verschließen, sodass das andere Kind nicht das Blut des verstorbenen Kindes aufnimmt.

Welche Folgen haben Operationen auf das ungeborene Kind?

Egal, welche vorgeburtlichen Eingriffe und Operationen durchgeführt worden sind, führen diese meist zu einer Frühgeburt. Daher ist es extrem wichtig, den Frühchen nach ihrer Geburt, die bestmögliche medizinische Behandlung zukommen zu lassen.

Warum eine Frühgeburt die Folge einer Operation ist, können die Ärzte auch heute noch nicht sicher beantworten. Man geht davon aus, dass die Öffnung der Gebärmutter Stress für das Kind bedeutet. Daher geht der Fortschritt in die Richtung, die minimal-invasive Technik noch minimaler zu machen, und in ein paar Jahren, so Tchirikov, werde man Operationen mittels einer haarfeinen Nadel durchführen können.

Bildnachweis: © gornist – Fotolia.com, © lom123 – Fotolia.com, © Henrie – Fotolia.com


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